Last Homes – Der Tod als Bauherr

Entlang der S-Bahn-Strecke zwischen Wien und seinem Flughafen liegt Mannswörth, keine 500m von der Raffinerie Schwechat der OMV entfernt. Dort, unvermittelt direkt am Straßenrand neben dem Gehsteig und vor einer dahinterliegenden Friedhofsmauer stehen stumme Zeugen der letzten Kriegstage: 2 Dutzend schlichte quaderförmige Betonsteine als Grabmale. Streng in Reih und Glied, ihren Blick auf die Straße gerichtet. Auf jeden Betonquader ist ein roter Blechstern aufgesteckt. Und sämtliche Inschriften sind auf russisch. Sie erinnern an sowjetische Gefallene, welche für die Befreiung der Stadt in den letzten Kriegstagen kämpften. Ist für sie kein Platz innerhalb der Friedhofsmauern? Oder wurden sie absichtlich vorgerückt, um sich der Öffentlichkeit entlang der Straße als Mahnmale besser sichtbar zu sein?

Eine andere Ausformung der Verdrängung findet man am anderen Ende der Welt, mitten in den Squatters von Manila: die alten Luxusgräber im Manila Chinese Cemetery, eines einstig wohlhabenden chinesischen Bürgertums. Diesem war es nämlich zur Zeit der spanischen Besatzung verboten, sich auf katholischen Friedhöfen begraben zu lassen. Eine Ghettostadt für die Toten wurde gebaut, ein Friedhofsviertel nur für Chinesen; mit Straßen, Kreuzungen, ganzen Minihäusern mit Eingangstoren, Vordächern, Fenstern und Vorzimmern, sogar mit WC-Anlagen mit funktionierenden Spülungen und Kanalanschlüssen, in welchen die alten Ahnen der Familienclans wohnen sollen. Die Straßen im weitläufigen Areal, welches ungefähr die Ausmaße von ganz Mannswörth hat, jedoch bleiben leer. Ein paar Touristen, ratlos umherirrend, entfliehen dort dem Lärm und Menschengedränge der brausenden Großstadt ringsum. Hohe Mauern mit Stacheldraht schützen dieses Reich der Toten vor der Invasion der Lebenden und dem Siedlungsdruck rundum.

Wieder eine halbe Weltumrundung weiter: Ägypten, das Tal der Könige. Die Routine der Wiederöffnung alter Totenstätten als Industrie. Staub, Schweiß, Hitze, Minibagger, Schaufeln, Theodoliten, Fotokameras, geschäftstüchtige Nationalmuseumsdirektoren. Die für die Welt der Lebenden unsichtbarsten aller Grabanlagen und gleichzeitig die Kostbarsten: Kammer über Kammer gefüllt mit Figuren aus Gold, Stoffen, Skulpturen, mit Edelsteinen verzierten und komplett vergoldeten Sarkophagen (von griechisch „Fleischfresser“), tausenden von Mannstunden Handarbeit, nur für den Moment des Verschlusses geschaffen, exklusiv und ausschliesslich für die letzte Wohnstätte der gottgleichen Herrscher: Gefinkelte Raumgestaltung für die Toten, prunkvollste Architektur für das Leben im Jenseits. Den Tod als Bauherr haben.

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